Morgen eines Bibliothekars

Am liebsten gehe ich in der Morgendämmerung durch meine Bibliothek. Durch die großen Fenster dringt das zunehmende Licht des Tages herein und das geschäftige Surren der Elektromotoren im Gebäude wird allmählich leiser. Es ist diese zunehmende Stille vor dem Nutzeransturm, die ich liebe und die mir einen ungestörten Zugang zu den unterschiedlich gestalteten und gewidmeten Räumen der Bibliothek ermöglicht. Das Haus ist eigentlich mehr ein Museum der Zukunft als eine Kathedrale vergangenen Wissens. Zwar stehen hier immer noch viele Bücher, da die Regularien des Urheberrechts die digitale Distribution des Wissens zunehmend erschwert haben. Trotzdem ist vieles anders als in traditionellen Bibliotheken, vor allem die Räumlichkeiten sind vielfältiger geworden und tragen den unterschiedlichen Nutzungsszenarien unserer Benutzerinnen und Benutzer Rechnung. Obwohl erst wenige Monate in Betrieb ist ein Raum im Benutzungsbereich schon wieder gesperrt und wird für ein neues, projektbezogenes Nutzungsszenario umgestaltet. Dank der flexiblen Raumgliederung ist das im Neubau kein Problem. Anders als es ein völlig missglückter und von der Youtube-Community abgelehnter Imagefilm meiner Alma mater suggeriert, ist die Bibliothek mitnichten zum kaum besuchten Skurrilitätenmuseum auf dem Campus geworden, sondern zum pulsierenden Zentrum der Universität.

Es wird heller. Die Elektromotoren sind fast alle verstummt. Alle Roboter sind zurück in ihre Ladestationen gefahren, um schon die ersten Sonnenstrahlen zur vollständigen Regeneration ihrer Akkumulatoren zu nutzen. So können sie bis zum frühen Abend genügend Sonnenenergie durch die mit Fotovoltaikanlagen versehene Außenfassade des Gebäudes tanken, um das Gebäude nicht nur während der langen Öffnungszeit bis weit nach Mitternacht zu illuminieren und Strom für die zahlreichen elektrischen Geräte bereit zu stellen, sondern auch um in den beiden Stunden vor Sonnenaufgang das Haus fit für den Tag zu machen. Weil die Bibliothek zu Beginn der 20er Jahre Mitglied im Netzwerk Grüne Bibliothek geworden ist und auch auf dem Weg zur Green IT massive Fortschritte gemacht hat, war das neue Haus mit den effektivsten und innovativsten Maßnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz ausgerüstet und dadurch nahezu energieautark geworden.

Die Reinigungsroboter haben – wie jeden Tag – die Böden gereinigt und der Inventurroboter mit seinen großen Antennen überträgt die Daten der falsch eingestellten Bücher von seiner Ladestation aus an die zentralen Server, damit meine Kolleginnen und Kollegen anschließend mit einer guten alten Papierliste das am Vortag angerichtete Chaos beheben können. Aus den Augenwinkeln nehme ich wahr, wie die Leihverkehrsdrohne aus der benachbarten Landesbibliothek gerade die bestellten Bücher einfliegt. An der Ausleihe sind zwei Mitarbeiter damit beschäftigt die bereitgestellten Bücher in die Abholfächer zu stellen.Der fest angestellte Servicetechniker beendet gerade die Wartung des Greifarms, der auf einer Laufschiene montiert ist und die Bücher behutsam aus den Abholfächern nimmt und den Benutzern auf die automatisch verbuchende Ausleihtheke legt.  Ein autonom fahrender Elektrokarren biegt gerade noch um die Ecke, um die zurückgegebenen Bücher ins Tiefenmagazin zu bringen, wo eine Magazinmitarbeiterin die Bücher behutsam an ihren Standort stellt. Seit sie bei der Arbeit ein Exoskelett zur Unterstützung beim Heben der teilweise schweren Lasten nutzt, kann sie der Rente mit 70 etwas gelassener entgegen blicken. Geschickt umkurvt der Karren dabei einen traurig herumstehenden, humanoid aussehenden Roboterkollegen, dem ein Witzbold ein Schild mit dem Namen “C3PO” umgebunden hatte, den ein andere Witzbold durchgestrichen und durch “Marvin” ersetzt hatte. Leider hielten die Erwartungen an die Kompatibilität von Menschlicher und Künstlicher Intelligenz der Realität (noch) nicht stand, so dass der kleine Kerl die Rat suchenden Benutzerinnen und Benutzer bestenfalls ratlos, häufig auch genervt zurückließ und nach mehrfachen Misshandlungen nicht mehr betrieben wird. Das 2020 gegründete Bundesinstitut für Künstliche Intelligenz hatte darüber hinaus in seinen 2027 erlassenen “Ethischen Richtlinie zum Umgang mit humanoiden Robotern” den Einsatz dieser menschenähnlichen Maschinen verboten, wenn die Gefahr besteht, dass Menschen sie als ihresgleichen betrachten könnten, was besonders dann der Fall ist, wenn sie zum Ziel menschlich üblichen, aber sozial unerwünschtem Verhaltens würden wie etwa Misshandlungen und Beschimpfungen.

Das Gebäude ist bereit für den Tag und ich begebe mich in mein Büro, um dort meinem Tagwerk nachzugehen, das – seitdem das neue Gebäude die üblichen Kinderkrankheiten überstanden hat –  in der Entwicklung von Zukunftsszenarien und -konzepten zur Bibliotheksnutzung und Informationsbereitstellung besteht und nicht mehr im für alle Beteiligten frustrierenden Beschwerdemanagement über nicht funktionierende Toiletten, unzureichende Arbeitsbedingungen für Nutzerinnen und Nutzer sowie den schlechten Reinigungszustand des gerade in Sanierung befindlichen, denkmalgeschützten Altbaus, in dem wir ein Kommunikationszentrum für Wirtschaft, Wissenschaft und Bürgergesellschaft planen.

Markus Malo, UB Stuttgart, Leiter der Benutzungsabteilung