Once upon a time in Stuttgart West – Beiträge eines Seminars zur Studierendenbeteiligung (1)

Wir schreiben das Jahr 480 v Chr. Über der Agora geht langsam die Sonne unter, während die Straßenhändler verzweifelt versuchen ihre letzten Waren unter das Volk zu bringen. Der Gelehrte Antonius schreitet mit langsamen Schritten über das Forum. Den Blick streng nach vorne gerichtet, wird klar, dass er in Gedanken immer noch bei der letzten Lehrstunde seines Meisters verweilt. Trotz seines langen Tags ist sein Studium der Naturwissenschaften noch nicht beendet. Um seine Unterlagen sowie sein Wissen auf den neuesten Stand zu bringen, sucht Antonius noch die naheliegende Bibliothek auf. Selbst zu dieser späten Zeit widmet Antonius sich seinem Studium voller Leidenschaft und Hingabe.

Er liebt das Lernen. Nicht umsonst entschied er sich für ein Studium und gegen den Rat seiner Eltern als einfacher Soldat oder Feldmann seinen Lebensweg zu beschreiten. Doch bei dem Aufsuchen der Bibliothek läuft ihm immer wieder einen kalten Schauer über den Rücken. Denn auch wenn nicht so geboren, sieht Antonius sich dennoch als ein Mann von Klasse. Er liebt das Philosophieren in der Wärme Griechenlands und das Gefühl von Geborgenheit durch das Wissens, die er in einem Raum zur Entfaltung des eigenen Geistes erhält.

Doch zu seinem Bedauern kann er dies in der ansässigen Bibliothek nicht auffinden. Sie ist überschüttet von engen Gängen, ungeordneten staubigen Bücherregalen und neugierigen Beobachtern, die den Gelehrten förmlich mit ihren strengen Blicken das Wissen aus den Köpfen saugen wollen. Aber Antonius hat keine Wahl. Also geht er weiter, strengen Mutes auf sein Verderben zu.

Wenn er sich doch nur freuen könnte, freuen auf den bevorstehenden Abend, freuen auf das Aufsaugen von Wissen bis in die tiefen Abendstunden. Bei diesen Gedanken wird ihm klar, dass auch Wissen immer einen Raum benötige. Nicht umsonst werden die Baumeister der großen Bibliotheken wie Götter verehrt, deren Formensprache der Architektur zugleich so vielfältig wie grazil erscheint. Ach wenn er doch nur in einer der großen Bibliotheken wie in Athen, Delphi oder Piräus lernen könnte.

In Gedanken schwelgend über die atemberaubende Architektur ferner Städte, merkte er zusehends, wie sich jede Zelle seines Körpers gegen den bevorstehenden Aufenthalt in der hiesigen Büchersammlung sträubt. Schnellen Schrittes weitergehend, versucht er die Gedanken zu verdrängen und nicht länger über die ihm bevorstehende Tragödie zu philosophieren. Stattdessen wollte Antonius seinen Geist weiter der Rekapitulation des am heutigen Tag gelernten zuzuwenden. Wenige Zeitunzen später erreicht er das Gebäude der ansässigen Stadtverwaltung, in dem sich auch ein komplex für Lehre sowie wissenschaftliche Zwecke befindet. Stets strengen Schrittes hineingleitend, findet er schnell einen Platz, um sich niederzulassen und seine mitgebrachte Papyrusrolle, sein Tintenfass und seine Feder auszupacken.

Nach einer kurzen Stärkung macht er sich auf, um die ihm für den heutigen Tag zugetragenen Bücher aufzusuchen. Am Bücherregal für fernöstliche Philosophie angekommen, greift er schnell nach dem Manuskript und zieht es aus dem Regal heraus. Bereits auf die Inschrift des ihm bevorstehenden Wissens fixiert, stößt er an der Ecke des Bücherregals mit einer ihm unbekannten Person zusammen. Ihre Materialien fallen zu Boden, wohingegen Antonius sich gerade noch am Bücherregal festhalten kann. Sich wieder sammelnd, sieht er den auf dem Boden liegenden älteren Mann. Dieser ist in eine weinrote Toga gehüllt, besitzt nur noch wenige Haaren auf seinem Kopf und trägt einen langen weißen Bart, der seinen kompletten Hals bedeckt. Antonius hilft dem alten Mann auf und zusammen versuchen sie, die runtergefallen Schriftrollen aufzusammeln.

Daraufhin entdeckt der alte Mann Antonius Schriftrolle der fernöstlichen Philosophie. Durchaus verwundert über Antonius Interesse äußert er diesem seine eigenen Studien zu diesem Thema. Begeistert über das langwierige und intensive Wissen des älteren Mannes, freut sich Antonius an diesem Abend einen Gleichgesinnten getroffen zu haben und löchert den Fremden mit Fragen über Herkunft und Art dessen breiten Wissensschatzes. Dieser entgegnet, dass er schon lange Zeit durch Griechenland sowie andere ferne Länder reist und Bibliothek für Bibliothek aufsucht, um das Wissen in andere Städte der Welt hinauszutragen.

Nun kam er auf seiner Reise auch hier vorbei, um das ihm fremde Wissen zu verinnerlichen. Antonius, welcher begeistert von der Lebensgeschichte des älteren Mannes ist, fragt den Fremden weiter über die großen Bibliotheken aus: „Wie sie aussehen? Welches Wissen sie beinhalten? Aber auch welche Menschen dort anzutreffen sind?“ Daraufhin erzählt der ältere Mann über die ihm bekannten, prestigereichen Büchersammlungen: „Mich faszinieren ihre beweglichen und großen Regale sowie die flexiblen, großen und multifunktionalen Räume, welche sich perfekt auf den Nutzen der Gelehrten abstimmen lassen. Und ich bewundere die Bibliotheksgebäude, welche allein durch ihre äußere moderne und filigrane Präsenz zugleich Gelehrte aber auch ungelehrte Bürger anziehen. Dadurch entwickelt sich in ihnen ein Gemeinschaftsraum, in dem sich Menschen unterschiedlichster politischer und gesellschaftlicher Gesinnungen und Grade auf selber Ebene begegnen und ihr Wissen miteinander teilen können. Es ist kein reiner Raum des Lernens vorhanden. Es ist ein Raum der Freude, der Gemeinschaft und des Lebens. Keine grauen, tristen Gänge, sondern eine helle lichtdurchflutete und lebensbejahende Architektur.“

Antonius fragt daraufhin, wie sich der Gelehrte in einer solch lauten und marktähnlichen Atmosphäre überhaupt auf das Aufsaugen seines Wissens konzentrieren könne. Der Fremde erklärte ihm, dass es auch hier durchaus eine räumliche Trennung verschiedener Bereiche gebe. Die flexiblen Grundrisse können sich allen Nutzungsmöglichkeiten anpassen und unterschiedliche Verwendungszwecke gewährleisten. „Doch obwohl mir die Trennung verschiedener Bereiche wichtig ist, halte ich mich dennoch lieber in dem großen, lichtdurchfluteten Funktionssälen auf. In den vergangenen Jahren habe ich festgestellt, dass die kontroversen Meinungen mein Wissen ebenso stärken können, wie ein gutes Buch. Daher habe ich beschlossen, mein Wissen nicht nur aus Büchern, sondern auch durch die
Kommunikation mit Gleichgesinnten zu erlangen“ erläuterte der alte Mann mit weißem Bart.

Vollkommen begeistert von den Erzählungen des Fremden fiel Antonius auf, dass er seinen Lehrauftrag des heutigen Tages noch nicht beginnen hatte. Er verabschiedete sich von dem alten Mann, um in der ihm so widrigen Umgebung zu versuchen, sich auf seine Schriftrollen zu konzentrieren.

Trotz seiner Bemühungen hatte Antonius am heutigen Abend nicht mehr viel gelernt, da er immer wieder gedanklich abschweifte und in die Erzählungen der großen Bibliotheken versank.

David Primuth studiert Architektur und Stadtplanung an der
Universität Stuttgart im 5. Semester und hat am Seminar
Hybrid oder digital na(t)ive (Erlebnis)Reise – Szenarien
für eine Bibliothek der Zukunft für alle” teilgenommen