Heldenreise – Beiträge eines Seminars zur Studierendenbeteiligung (3)

Ich bin Stefan, ein eckiger, großer Typ aus dem Uniland. Ich würde mich nicht als auffällig oder besonders beschreiben, trotzdem scheinen Leute in mir einen Helden zu sehen. Gibt vermutlich weniger schmeichelhafte Zuschreibungen; ich würde vielleicht widersprechen, möchte mich aber nicht beschweren. Am Ende ist mir gar nicht so wichtig, wie mich andere sehen, ich bin sowieso meistens lieber für mich in meiner Höhle. Die ist warm und gemütlich, Eigenschaften, die ich an einer Wohnstätte zu schätzen weiß. Die Räume, in denen wir uns aufhalten, beeinflussen uns, verstärken oder hemmen kreative Kräfte, lösen Stimmungen in uns aus, die positiv oder negativ sein können. Sie können, Gefängnissen gleich, Gefühle der Beklemmung, des Zwangs, ja, der Angst auslösen oder ein Spielfeld sein für ausgelassen freie, kreative Prozesse.

Faller HeldenreiseAn einem kalten Dezembermorgen im Pestjahr fand ich mich mit einer Gruppe anderer Helden im Gespräch über die Bibliothek des Unilands. Diese sollte, da waren wir uns einig, ein ebensolcher Platz des Schaffens sein, der möglichst frei von negativen Erfahrungen wie Langeweile, Tristesse und Beklemmung ist. Doch immer wenn ich dort war, stellte sich bei mir ein Gefühl des Unwohlseins ein. Die grauen, kalten Betonwände wirkten auf mich stets wie die eines Kerkers, in dem ich meine Zeit abzusitzen und meine Aufgaben zu erledigen hatte. Dort eingesperrt zu sein, in einer weiten Halle mit hundert anderen traurigen Gestalten inspirierte mich nicht gerade dazu, zu gestalterischer Höchstform aufzulaufen. Im Gegenteil, die drückende Präsenz aller um mich herum, das ungeordnete Durcheinander von Stimmen, Gesichtern, Themen, Projekten erstickte jeden flügge gewordenen Gedanken im Keim.

Die anderen erzählten mir von einem Greis, der auf dem Gipfel des K-II-Gebäudes lebte. Ein echter Mentoren-Methusalem. Er sollte in der Lage sein, mir dabei zu helfen, die schlechten Geister aus der Bibliothek zu vertreiben. Ich hatte gehofft, dass er mir einen Zauberstab oder irgendwas anderes Magisches anzubieten hatte, um mein Abenteuer zu bestehen, leider gab er mir nur einen Kredit mit völlig überzogener Zinsrate mit, um Wandfarbe, Sofas und derlei zu kaufen. Man hat’s nicht leicht als Uniheld. Ich schnappte mir das Bündel Scheine und zog von dannen.

In der Bibliothek riss ich alles nieder und baute den Leuten des Unilands einen neuen Ort, an dem sich zu treffen, zu arbeiten und zu spielen lohnte. Aus der großen Halle wurde eine Sammlung kleinerer Höhlen, in denen NutzerInnengruppen ungestört ihrer Arbeit nachgehen und an modernen Maschinen spielerisch und kreativ Wissen erarbeiten konnten. Als Held weiß ich, dass eine verspielte Atmosphäre dem Lernprozess oft zuträglicher ist als Lernzwänge und die Angst vorm Scheitern. Um fruchtbaren geistigen Austausch zu ermöglichen, richtete ich Sitzecken ein, in denen sich die Bewohner wohlfühlen konnten. Wer warm und gemütlich in sich ruht, kann seinen Gedanken freien Lauf lassen. In einem Kreis aus Sesseln und Sofas kann diskutiert, präsentiert oder auch nur frei besprochen werden, was eben gerade so ansteht. Gerade kleinere Gruppen von acht bis zehn Leuten, so dachte ich, haben das Potential, verschiedene Sichtweisen und Ideen zu bündeln, ohne dass Chaos ausbricht oder die Situation unübersichtlich wird.

Als letztes erschuf ich mit den Mitteln des Mentors noch einen Ort, der Menschen aus unterschiedlichen Siedlungen des Landes zusammenführen und zum Austausch animieren sollte. Viele Probleme sind zu komplex, um nur von einer einzelnen Gruppe mit ähnlichen Ideen und Ansichten gelöst zu werden. Ich war mir sicher, die Lösung eines Problems wird umso besser, je mehr unterschiedliche Sichtweisen und Wissensbereiche mit einfließen. Wer bei einem Problem nicht weiterkommt oder glaubt, noch nicht die optimale Lösung gefunden zu haben, kann Hilfe bei einer anderen Gruppe suchen und diese im Gegenzug mit dem eigenen Wissen unterstützen.

Als sich der Abend über das Land senkte, war das Werk vollbracht. Ich wanderte langsamen Schrittes durch den neuen Mikrokosmos, den wir erschaffen hatten, und erfreute mich daran, dass von nun an fröhliche und zufriedene Gesichter an diesem Ort von der Ausnahme zur Regel geworden waren. Noch in der Nacht sattelte ich mein Pferd und verschwand in der Dunkelheit; und als am nächsten Morgen der Methusalem des KGebäudes seine Lakaien losschickte, um die Schulden einzutreiben, hatte der stete Winterwind meine Spuren längst verwischt.

Stefan Faller studiert Sozialwissenschaften an der
Universität Stuttgart im 8. Semester und  hat am Seminar
Hybrid oder digital na(t)ive (Erlebnis)Reise – Szenarien
für eine Bibliothek der Zukunft für alle” teilgenommen